von Wilm Herlyn, ehem. Chefredakteur dpa
“Nachrichten sind wohlfeil inzwischen – sie sind überall zu erhalten. Das Internet überschwemmt die Welt mit News wie ein Tsunami. Wer soll sich in diesen alles mitreißenden Wogen noch zurechtfinden?”
Jeder, der heutzutage einen Computer oder ein iPhone besitzt, kann Nachrichten fabrizieren, twittern, bloggen, und die neuen sozialen Netzwerke wie Facebook und Co. als Plattform nutzen. Aber was ist wahr? Was ist recherchiert? Was überhaupt hat Bedeutung? In dem Begriff „Nachricht“ steckt auch: sich danach richten. Nachrichten sind also eine Grundlage von Entscheidungen. Und Entscheider müssen sich darauf verlassen können, dass sie auf dem festen Boden des Wissens stehen. Sie müssen rechtzeitig, gut und umfangreich informiert sein, damit sie weiterdenken und handeln können. Journalisten in allen Medien – so sie denn den Anspruch haben, Qualitätsjournalismus zu machen – müssen fünf Grundregeln beherzigen:
• Das Handwerk muss stimmen.
• Es muss korrekt berichtet werden.
• Meinung und Nachricht sind sauber zu unterscheiden.
• Alle Seiten sollen zu Wort kommen.
• Hintergründe und Zusammenhänge sollen dargestellt werden.
Den Journalisten der Nachrichtenagenturen fällt dabei eine besondere Rolle zu. Ihre vordringliche Aufgabe ist es, in dieser Flut das Relevante zu selektieren und Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Sie tun dieses in dem Bewusstsein, dass ihre Nachrichten tausend-, ja millionenfach verbreitet werden – von Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Hörfunk, Online-Medien. Denn diese ihre Kunden vertrauen darauf, dass die Agenturjournalisten
• Tatbestände dokumentieren und Kausal- und Sinnzusammenhänge aufzeigen,
• sie publikumsgerecht aufbereiten,
• ihre gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und Missstände und Skandale aufdecken,
• „just in time“, also zeitgerecht und aktuell berichten,
• das Geschehen in eine Sprache und Bilder fassen, die es erlebbar und verständlich machen,
• dem Publikum mit der Trennung von Nachricht und Kommentar die Freiheit lassen, sich ein eigenes Urteil zu bilden,
• in der Hintergrundberichterstattung Ursachen und Folgen darstellen.
Nachrichtenagenturen haben längst ihre Rolle als Nachrichtenverteiler und Nachrichtenzuweiser verlassen. Agenturjournalismus ist mehr als die schnelle Jagd nach der topaktuellen Geschichte. Dieser Mythos wird zwar noch sorgfältig gepflegt; doch Grundversorgung und Standardberichterstattung allein reichen nicht mehr. Der neue Standard wird markiert von Echtzeit, wohl wahr – aber vor allem durch Einordnung, Hintergrund, Stichwort, Analyse in allen und für alle Mediengattungen. Dabei darf die Agentur nicht der Versuchung erliegen, modischen Trends hinterherzujagen oder sich blenden lassen von einer inszenierten Wirklichkeit, die ablenken soll vom tatsächlichen Kern des Geschehens. Sie müssen sich einem Journalismus der Null-Information entgegenstemmen, auch und gerade im World Wide Web – denn das Publikum verlangt nach Orientierung, Erkenntnis und Lesefreude zugleich.
Der Wert der Glaubwürdigkeit
Nachrichtenagenturen festigen dann ihren Ruf als Garanten von Glaubwürdigkeit, wenn alle ihre Mitarbeiter den Willen und die Fähigkeit haben, sauber zu recherchieren, genau zu sein, den Dingen auf den Grund zu gehen, sich selbst zu bilden, ja, sich zu quälen, klar und deutlich zu schreiben und auch zu sprechen. Sie müssen ihren Blick über den Tellerrand des eigenen Erlebens hinauslenken, Zusammenhänge erkennen, Dinge verknüpfen – und dürfen darüber nicht das private Aha-Erlebnis mit einer Zäsur der Weltgeschichte verwechseln. Sie müssen wachsam sein in dem ungeheuren Ansturm von Politikern, Wirtschaftsführern, Pressesprechern und PR-Agenturen, die alle irgendetwas verkaufen wollen. Der Agenturjournalist ist niemandes Öffentlichkeitsarbeiter. Er macht sich mit einer Sache nicht gemein. Das erfordert Stehvermögen und die Bereitschaft, sich auch einmal Ärger einzuhandeln. Aber mangelndes Misstrauen und fehlendes Rückgrat sündigen häufig Arm in Arm. Nur so bestehen die Nachrichtenagenturen: wenn sie Navigatoren sind und ihre Stärke ausspielen als Schleusenwärter in der Nachrichtenflut.
Dabei wird für die Agenturen die Beherrschung des Internet eine entscheidende Rolle spielen. Für den richtigen Umgang mit Veränderungen hat der Medienunternehmer Rupert Murdoch eine einfache Formel gefunden: „Embrace progress!“ – Umarme den Fortschritt.
Allerdings fällt das manchmal schwer, und vor lauter Fortschritt weiß man gar nicht so genau, wen man nun gerade umarmen soll.
Die neue Nachrichtenagentur muss sich eine hohe Internet-Kompetenz erarbeiten: multimedial denken und handeln. Die Online-Märkte verlangen von ihr ein Content-Management, das flexibel reagiert. Das Internet verlangt von den Agenturen eine enge Verzahnung von Text, Bild, Grafik, Animation, Audio und Video. Informationen = Nachrichten müssen in strukturierten Formaten geliefert werden, angereichert mit Metadaten – nur dann sind sie für die Online-Medien wirklich wertvoll. Nachrichtenagenturen sind Schlüsselinstitutionen mit entscheidender Bedeutung für das Mediensystem. Sie sind das Nervenzentrum, das – unsichtbar – alle Bestandteile dieses Systems miteinander verknüpft. Mit ihrer Kernaufgabe des Beschaffens, Bearbeitens, Anreicherns und Verbreitens von Nachrichten sind sie die Drehscheibe der Information. Diese Herausforderung können sie aber nur dann bestehen, wenn sie – wie die Deutsche Presse-Agentur Dpa – überparteilich und unabhängig von wirtschaftlichen oder politischen Interessen arbeiten.
Die Zukunft der Pressefreiheit
Weltweit gibt es fast 140 nationale und internationale Nachrichtenagenturen. Bemerkenswert daran ist, dass nur 21 dieser Agenturen als unabhängig gelten – also nicht mehr als die 15 Prozent, die privatwirtschaftlich organisiert sind und sich überwiegend im Eigentum der Medien ihres Heimatlandes befinden. Sie sind folglich unabhängig von Staat und Regierung. Zu den prominentesten Vertretern dieser kleinen Gruppe zählt neben den beiden Weltagenturen Reuters (als an der Börse notiertem Unternehmen) und AP auch die Dpa. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass 85 Prozent der Agenturen im öffentlichen Eigentum sind. Und dieses Verhältnis lässt darauf schließen, dass diese Nachrichtenagenturen zumindest einer außerordentlichen Begehrlichkeit von Seiten der Politik ausgesetzt sind. Für die so häufig angemahnte und eingeforderte Pressefreiheit kein ermutigendes Zeichen.







Neuer Blogbeitrag vom ehem. Chefredakteur der dpa: Zukunft & die Sorge um Pressefreiheit http://1.ly/dpa_herlyn #wertzeichen
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Da würde mich eine detailliertere Quelle sehr interessieren. Warum sollen das gerade die selben 15% sein? Nach welchen Kriterien gilt eine Agentur als “unabhängig”, und für wen? Oder gilt womöglich als Kriterium für Unabhängigkeit gerade dass sie privatwirtschaftlich organisiert sind und sich überwiegend im Eigentum der Medien ihres Heimatlandes befinden?
Zugegeben: es ist ein etwas steil eingesprungener Zirkelschluss von “staatseigen” zu “zwingend abhängig”. Die Beispiele in Frankreich mit AFP, auf die Freund Sarko durchaus einwirkt und erst recht Italien mit der AGI (Mutter ist zu 30% in Staatsbesitz) zeigen aber, dass eine Instanz, die über Politik berichten und urteilen soll, im Zweifel beim Staat selbst nur so mäßig gut aufgehoben ist. Und das sind nur die Beispiele aus dem demokratischen EU-Ausland. (Sascha Lobo)
[...] Wiederverwertete Kommunikation – Die Nachrichtenagentur als … [...]
dpa ist zum 99 Prozent Mainstream-Berichterstattung. dpa ist das Flaggschiff des regierungsamtlichen Hofberichts. Die Politikberichterstattung eines durchschnittlichen Landesdienstes beruht maßgeblich auf Presseerklärungen von Ministerien. Mit der Verbreitung von Nicht-Nachrichten die von Zeitungsredaktionen gepusht werden, um ihre eigenen Interviews zu vermarkten, betätigt sich die dpa darüber hinaus oft genug als willfährige PR-Agentur ihrer eigenen Kunden.
Lieber Norbert Jakob, das entspricht bei aller berechtigten Kritik, die man dem System dpa entgegenbringen kann und vermutlich auch muss, nicht unbedingt meinem Bild. Was den “Hofbericht” angeht. Im Übrigen würde ich aus verschiedenen Gründen nicht zwingend die dpa verteidigen wollen – wohl aber die Konstruktion einer nichtstaatlichen Nachrichtenagentur. (Sascha Lobo)
Lieber Herr Herlyn,
meine Erfahrung ist, dass es bei den “alten Medien” nur sehr wenige gibt, die zumindest Ihre fünf Grundregeln beachten (und ich meine jetzt nicht mal “Bild”, was ja offensichtlich ist). Warum, frage ich, sollte dies bei den “neuen Medien” so anders sein?
Beste Grüße.
[...] Wiederverwertete Kommunikation von Wilm Herlyn [...]
Lieber Sascha Lobo. Meine Kritik an dpa zielte auch nicht darauf, die Konstruktion einer nichtstaatlichen Nachrichtenagentur infrage zu stellen. Die ist notwendig und ein hohes Gut..Aber besser könnte sie schon sein: Weniger Mainstream, weniger Regierungsverlautbarung, weniger PR für die eigenen Kunden. Gruß
den post finde ich auch cool. ist absolut lesenswert.